Die Potenzialerhebung ist eine besondere ärztliche Untersuchung, die vor der Verordnung außerklinischer Intensivpflege durchgeführt wird. Sie wurde mit dem IPReG verpflichtend eingeführt und steht im Zentrum der Reform der Intensivpflege. Ihr Ziel ist es, bei beatmeten oder trachealkanülierten Menschen systematisch zu prüfen, ob sich der Gesundheitszustand verbessern lässt.
Welche Fragen klärt die Potenzialerhebung? Sie prüft konkret: Kann die tägliche Beatmungszeit reduziert werden? Ist eine vollständige Beatmungsentwöhnung (Weaning) realistisch? Lässt sich die Trachealkanüle entfernen (Dekanülierung) oder auf eine schonendere, nicht-invasive Beatmung umstellen? Wenn all das dauerhaft nicht möglich ist, geht es darum, die Therapie bestmöglich zu optimieren und die Lebensqualität zu sichern. Damit verfolgt die Potenzialerhebung einen klaren Grundgedanken: keine Chance auf mehr Selbstständigkeit soll übersehen werden.
Wer führt sie durch und wie oft? Die Potenzialerhebung muss von dafür besonders qualifizierten Ärztinnen und Ärzten durchgeführt werden. Sie ist regelmäßig zu wiederholen – grundsätzlich mindestens alle sechs Monate. Steht über einen längeren Zeitraum sicher fest, dass kein Entwöhnungs- oder Dekanülierungspotenzial besteht, verlängert sich der Abstand (in der Regel auf zwölf Monate), und unter bestimmten Voraussetzungen kann auf weitere Erhebungen verzichtet werden. Damit eine Verordnung gültig ist, darf die zugrunde liegende Potenzialerhebung ein bestimmtes Höchstalter nicht überschreiten.
Was gilt seit Juli 2025? Seit dem 1. Juli 2025 gelten konkretisierte Regeln zur Potenzialerhebung. Dazu gehört unter anderem ein Vier-Augen-Prinzip in den Fällen, in denen dauerhaft kein Potenzial mehr besteht: Wer das Potenzial erhebt, darf dann nicht zugleich die Verordnung ausstellen. So wird eine unabhängige, neutrale Bewertung sichergestellt. Für Betroffene bedeutet die Potenzialerhebung in erster Linie, dass ihr Verbesserungspotenzial nicht aus dem Blick gerät – ein Anliegen, das gerade in der Langzeitbeatmung große Bedeutung hat.
Siehe auch: Weaning, Dekanülierung, Verordnung, Vier-Augen-Prinzip, IPReG